Archiv der Ratgeber-Community · 2010–2017

Archivbeitrag. Diese Frage wurde im März 2011 in der Ratgeber-Community avioso gestellt und von einem Mitglied beantwortet. Frage und Antwort werden inhaltlich unverändert dokumentiert; Zahlenangaben entsprechen dem damaligen Stand. Die Kennungen der Beteiligten sind entfernt.

Was sind die besten Tipps gegen Stress im Job?

Die Frage

„Drei von vier Deutschen fühlen sich gestresst. Burnout und Depressionen sind Volkskrankheiten geworden. Der Schaden für Wirtschaft und Gesundheitssystem geht in die Millionen. Dabei ist es oft viel einfacher, dem Stress im Job entgegenzusteuern, als viele denken.“

Die erste Antwort: sich anvertrauen

Oft hilft es schon, sich jemandem anzuvertrauen, der zurückmeldet: Mir geht es auch manchmal so. Sie sind nicht schlechter als alle anderen. Allein dieses Wissen erleichtert.

Ein weiterer guter Weg ist es, überhaupt einen Überblick über die anstehenden Aufgaben zu erhalten. Methoden wie Mindmapping sind dafür geeignet: Sie erfassen Ziele, einzelne Arbeitsschritte und Fristen. Binden Sie dann gezielt Kollegen ein und delegieren Sie einzelne Aufgaben.

Die Nachfrage

„Und wie kann ich langfristig Stress vermeiden?“

Die zweite Antwort: der ausbalancierte Alltag

Indem Sie auf einen ausbalancierten Alltag achten. Das gilt sowohl jobintern als auch im sozialen Umfeld. Im Job heißt das Zauberwort „Flow“ und beschreibt einen Zustand, in dem Sie gefordert sind, sich als stark und kompetent erleben und die gestellte Aufgabe optimal bewältigen. Diesen Zustand sollten Sie regelmäßig anstreben.

Haben Sie einen Arbeitsplatz, an dem das geht? Wird es Zeit für neue Aufgaben, für eine Weiterbildung? Wer seine Karriere langfristig plant und Ziele verfolgt, erlebt sich als aktiv und nicht den Umständen ausgeliefert. Das reduziert das Stressempfinden enorm.

Ohne ein ausgeglichenes Privatleben nützt Ihnen das aber nichts. Egal, ob Sie reisen, malen, tanzen oder Sport treiben, ob Sie Zeit allein mit Ihrem Partner verbringen oder im Freundeskreis: Jeder Mensch braucht sozialen Rückhalt und Tätigkeiten, die einfach nur Spaß machen. Das gehört ins Hier und Jetzt – nicht in eine imaginäre Zukunft, in der es vermeintlich weniger Stress geben wird.

Einordnung: warum dieser Austausch besser ist als die üblichen Listen

Ratgebertexte zum Thema Stress enden fast immer bei denselben Punkten: früher aufstehen, Pausen machen, Sport treiben, Prioritäten setzen. Dieser Austausch tut etwas anderes, und zwar an drei Stellen.

Er beginnt beim Sozialen, nicht bei der Technik. Der erste Rat ist nicht, den Kalender umzubauen, sondern mit jemandem zu sprechen – und zwar aus einem präzise benannten Grund: weil das Gefühl, allein schlechter zurechtzukommen als alle anderen, ein eigener Belastungsfaktor ist. Diese Beobachtung ist psychologisch treffend und wird selten so klar formuliert.

Er unterscheidet kurzfristig und langfristig. Erst nach der Nachfrage kommt der zweite Teil, und der handelt nicht mehr von Techniken, sondern von der Passung zwischen Person und Stelle. Die Frage „Haben Sie einen Arbeitsplatz, an dem das geht?“ ist unbequemer als jeder Zeitmanagement-Tipp, und sie ist die richtige.

Er endet mit einem echten Satz. „Das gehört ins Hier und Jetzt – nicht in eine imaginäre Zukunft, in der es vermeintlich weniger Stress geben wird.“ Das beschreibt eine sehr verbreitete Selbsttäuschung: Erholung auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen, der nie eintritt.

Was einzuordnen ist

Die Zahl in der Frage – drei von vier Deutschen fühlten sich gestresst – ist nicht belegt und stammt vermutlich aus einer der vielen Umfragen jener Jahre. Sie wird hier als Teil des Originals wiedergegeben, nicht als belastbarer Wert. Wer verlässliche Daten zu psychischer Belastung in der Arbeitswelt sucht, findet sie beim Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Der Begriff „Flow“ geht auf die Arbeiten des Psychologen Mihály Csíkszentmihályi zurück und beschreibt tatsächlich das, was die Antwort beschreibt: das Aufgehen in einer Tätigkeit, deren Anforderung zur eigenen Fähigkeit passt. Er ist hier korrekt verwendet.

Nicht verwendet werden darf dieser Beitrag als Ersatz für Hilfe. Burnout und Depression sind in der Frage nur als Schlagworte genannt; die Antworten behandeln normale Arbeitsbelastung, nicht Erkrankung. Wer sich über längere Zeit erschöpft, antriebslos, freudlos oder verzweifelt fühlt, sollte ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Informationen und Anlaufstellen vermittelt die Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit. In einer akuten Krise ist sofortige persönliche Hilfe der einzig richtige Weg – ein Archiv im Internet ist es nicht.

Der Hinweis auf Weiterbildung führt zu den übrigen Fragen des Bereichs Beruf, die sich fast alle um das Fernstudium drehen; der Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung und Familie steht unter Karriere und Familie.

Was der Austausch über sein Format verrät

Dieser Beitrag ist einer der wenigen im Bestand, in dem die fragende Person noch einmal nachhakt. Genau das hebt ihn über die üblichen Ratgeberlisten: Die erste Antwort behandelt die akute Lage, die Nachfrage lenkt auf das Grundsätzliche, und erst die zweite Antwort kommt zum eigentlichen Punkt.

In dieser Bewegung liegt der Wert eines Frage-Antwort-Formats überhaupt. Ein Artikel hätte beide Ebenen nebeneinandergestellt; hier entsteht die zweite, weil jemand die erste nicht ausreichend fand. Es ist die einzige Stelle des Archivs, an der man dem Format bei der Arbeit zusehen kann.